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Wir sitzen hier gerade in deinem neuen Studio an der Spree. Wie hast du dieses Gebäude eigentlich entdeckt?

Track 01 (3:15 min)

Tobias Jundt [TJ]: Die ersten zwei Platten sind ja mehr oder weniger einfach so entstanden. Die erste war plötzlich da. Ich habe halt versucht, das was in meinem Spatzenhirn ist in eine Form zu kriegen, dass zum einen das Publikum die Texte mal vor einem Gig lernen kann, damit man dann zusammen eine gute Show hat und dass die Band, die am Anfang eher ein Kollektiv war, alle wissen um was es da dann überhaupt gehen könnte, wenn ich in die Stadt komme und man spielt. Das ist halt einfach so entstanden. Das zweite ist: da haben wir zum Teil echt in Hotelzimmern aufgebaut, Backstage aufgebaut, aufgenommen und gemischt. Das ist halt eher unterwegs entstanden oder zuhause in der Besenkammer ein bisschen. Bei dem dritten Album, weil wir auch so oft auf Tour waren, hatte ich die Lust, wieder einen Ort zu haben, wo auch alle meine obskuren Synthesizer, Saiteninstrumente und weiß nicht was stehen können. Dann bin ich einfach Fahrrad gefahren. Als ich vor sechs Jahren nach Berlin kam, war das noch viel mehr so. Da bist du irgendwo hingefahren und hast jemand getroffen: „Ja, wir haben hier noch eine Fabriketage“ „Ach danke!“ Deshalb bin ich überhaupt hier gestrandet. Ich wollte eigentlich nie nach Berlin. Aber dann habe ich diese Fabriketage gekriegt und das war so: „Oh, ok, viel Platz. Gut.“ Platz kann man füllen mit Ideen. Das ist immer gut. Irgendwie hat das aber jetzt doch nochmal geklappt: ein bisschen Fahrrad fahren, ein Haus zu sehen und denken „In diesem Haus werde ich ein Album machen!“ Das ging dann ein Tag und dann hatte ich diese Räume. Die waren aber total heruntergekommen. Dann haben wir zuerst mal wahrscheinlich mehr als die Hälfte unserer Zeit, die sowieso schon für dieses Album wenig war, renoviert. Also Bohrer, Nagel, Schleifmaschine, Presslufthammer [lacht] und alles mögliche. Dann hat man gebaut und gemacht. In der restlichen Zeit habe ich dann nochmal so in zwei, drei Monaten das Ding rausgehauen. Ich denke schon, dass man das auch hört. Ich wollte sowieso nicht ein Album machen, das ich schon mal gemacht habe. Ich hatte auch schon ein bisschen Sehnsucht danach, eher diesen Sound umzusetzen, den ich auch höre. Bei dem Album wurde nichts vorproduziert. Da ist keine Spur Midi. Da habe ich eine Idee gehabt und dann habe ich das gemacht: „Ah hier, Höfner Bass: Bäng. Ah hier, dieser Synthie: [macht Syntie nach]. Ah, warte mal, wenn man das da drüber schickt, gut so!“ Das wurde halt gemacht und das ist es. Man hört es auch. Es ist im Sound, wie auch auf textlicher Ebene, echt ein menschliches Album geworden, glaube ich. Da ist zwar Maschine und Handwerk. Klar, da sind schon viele analoge Drumcomputer und Synthesizer. Das ist aber alles eingespielt und sehr menschlich. Das Album steht auch zu seiner krummen Nase. Es ist nicht runterquantisiert oder gesäubert.

Kannst du diese Veränderung im Sound mal ein bisschen konkreter beschreiben?

Track 02 (3:25 min)

[TJ]: Das ist alleine im Songwriting eine andere Zeit. Das dritte Album ist nicht das erste Album. Das erste Album entsteht, weil man brennt, lebt, macht und in irgendeiner Szene drin ist und dann plötzlich sind die Geschichten gelebt und dann sind sie auch geschrieben. Beim dritten Album ist eine Band meistens endlos auf Tour und dann heißt es: „Oh, könnt ihr mal nächste Woche bitte noch ein Album abgeben, bitte.“ Das ist eine andere Ausgangslage. Die Welt ist für mich eine andere. Deshalb wurde das Album auch eine Reise. Das ist nicht ein Ankommen: Hier ist das Ziel, so klingt das, sondern wir wissen, wir sind auf dieser Reise. Bonaparte, dieses Schiff, ist draußen auf dem Ozean und es gibt kein zurück mehr. Ob es auf der anderen Seite Land gibt, das wissen wir auch nicht, aber wir fahren jetzt hier mal [lacht]. Vielleicht machen wir ein paar Umwege, aber irgendwann finden wir vielleicht auch eine Insel, die noch gar keiner entdeckt hat. Also die geheime Hoffnung jedes Produzentenkapitäns. „Sorry, we are open“ ist schon an dem Punkten ein anderes Album, dass ich zum ersten Mal….wenn ich mir überlege, was ich der Welt sagen will, dann habe ich gemerkt, dass ich das Meiste auf dem ersten, zweiten Album schon gesagt habe und ich will es nochmal sagen. Kannst du ja aber nicht. Ich schreibe nicht nochmal die gleichen Songs. Das Gefühl von „Community“ war für mich entscheidend, insofern ein Kaiser das kann [lacht], in soweit der Egomane dazu fähig. Ich wusste, dass „Community“, nicht Komune, ein zentrales Thema sein wird, also zusammen ein Studio machen, aber auch das Songwriting, was sonst ein Prozess ist, bei dem ich eigentlich immer alleine schreibe. Das habe ich bei dem Album ganz anders gemacht. Ich habe Housemeister angerufen, mit dem ich sowieso sehr eng bin. Wir haben eine Flasche Whiskey geöffnet und zwei Tage durchgejammt. Ein paar Synthesizern sind halt abgespackst, Gitarre „Wuahh!“. Aus diesen Stunden von Musik, entstanden dann ein paar Songs. Siriusmo, ein Produzent, den ich sehr, sehr mag, auch einer der ersten, den ich in damals in Berlin kennenlernte, [ist auch dabei]. Lustigerweise war es bei den beiden auch so, die haben bei jeder Platte für uns Remixe gemacht, aber wir haben noch nie zusammen einen Song für eine Platte gemacht. Taylor Savy, aus diesem kanadischen Kuchen um Feist und Peaches. Das ist einer von den Kanadiern von damals, der noch hier ist. Die sind halt alle ausgeflogen. Ich habe halt öfter Co-Writes auf der Platte gemacht, einfach im Anfangsmoment so: Ah, lass uns mal eine Idee hinwerfen, auch mit Tänzerinnen und Tänzern aus der Band. Deshalb ist die Platte schon, auch wenn ich mir hier am Ende die Nächte hier um die Ohren geschlagen habe, soundtüfteln und machen, ist es ganz klar eine Weiterentwicklung. Ich denke aber schon, dass es ganz klar Bonaparte ist. Wir sind aber ein bisschen weitergefahren mit dem Kahn.

Du benutzt im ersten Song die Metapher eines Schiffs, dann die Koordinaten zwischen den Songs und später auch ein Song über das Schiff. Warum hast du das Bild des Schiffes gewählt?

Track 03 (2:09 min)

[TJ]: Für mich war das Künstlerdasein immer schon bedingungslos, dringlich. Und für mich ist Artist sein in 2012 ist nicht so anders, als bei einem Zirkus im 19. Jahrhundert zu sein oder ein Matrose zu sein. Du sagst „ja“ zu etwas. Du weißt seit Kind, dass du das tust, weil du das tust, weil das deine Berufung ist. Das ist dein Ding. Du kannst nicht anders. Es ist eine Metapher, andersrum ist man aber auch wirklich die ganze Zeit unterwegs. Wir sind ja immer auf Tour, ob jetzt die Familie als Band oder meine Familie, die auch mit auf Tour ist. Wir probieren ja so gut es geht, nicht zu trennen zwischen Rock´n Roll und dem Nachwuchs [lacht]. Wir sind ja immer unterwegs. Gleichzeitig ist für mich die Seereise symbolisch, auch ein sehr schönes Bild. Man ist auf dieser Reise. Man weiß, man kann nicht zurück. Man ist als Crew zusammen. Man muss immer wieder irgendwelche Kohlen in den Ofen reinschieben. Ich glaube, dieses Album geht auch ein bisschen um dieses Abgrenzen von einem Raum und  der Zeit, in der man lebt, als Artist oder was auch immer man tut. Das ist ein altes scheiß Sprichwort „Der Weg ist das Ziel“, aber im Moment fühlt es sich für uns so an. Deshalb heißt es in „sorry, we are open“: „I do not know where I am going but everybody follow me“. Das ist ja oft so. Ich weiß nicht genau, wo wir hingehen, aber ihr kommt jetzt alle mit [lacht]. Wir gehen jetzt dahin. Ich glaube das Album geht viel darum, wie das ist, Künstler sein. Du machst aus nichts…aus nichts musst du Gold machen.

Du zitierst am Anfang den Dichter Richard Hovey. Warum hast du ihn ausgesucht?

Track 04 (2:04 min)

[TJ]: Ich finde das ja gar nicht so wichtig, von wem das ist, haha [lacht]. Ich kenn den ja gar nicht. Das war jetzt nicht eine wichtige Person. Ich wollte auch ein Gedicht nehmen, das aus einem anderen Jahrhundert ist. Ich habe das auf Tour in Neuseeland gefunden. Für mich ist, wenn wir uns vor dem Bus sammeln bevor es wieder auf Tour geht, das schon auch ein bisschen dieses Sammeln am Hafen und das Schiffshorn tönt „muup, muup“. Die Reise geht wieder los und der Scooner steht da. Das Segel wird gehievt. Das ist ein romantisches Bild, aber so ist es auch. Die Dringlichkeit, die bei der Seefahrt ja allen klar ist, die ist bei uns halt auch. Wir tun mit Haut und Haaren das, was wir tun. Das ist nicht so nebenbei herausgehauen. Wir leben das. Das ist unser Ding. Ich glaube, es gibt einige Songs auf dem Album, die den Bereich abgrenzen, Quarantäne. Ob jetzt wir sie sind mit dem Aufsatz und stolz die Pestflagge auf das Schiff machen in der Art „Bleib ihr mal da, wir bleiben auf unserem Pestschiff“ [lacht] oder andersrum. Ich glaube, es gibt einige Songs, die davon handeln, auch zu erkennen, was man ist, wer man ist und zu erkennen, dass die Dinge, für die man sich vielleicht früher geschämt hat oder die man anders wollte oder wo man eher sein wollte wie jemand anders, dass man irgendwann merkt: nein, weil meine Nase krumm ist, kann ich hier stehen und sagen: „bah!“ Bonaparte war ja immer ein bisschen Kampf gegen die Norm auch. Wenn ich „juhahubullu“ sagen will, dann sage ich das und ich stehe dazu [lacht].

Wer sagt denn eigentlich, dass du der Verrückte bist und nicht wir anderen, dei Verrückten sind?

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Track 05 (1:35 min)

[TJ]: Das meine ich mit dem Quarantänenbild. Man kann das total beidseitig sehen. Ihr könnt mal bleiben, ich mache eine Quarantäne um euch, weil ich bin lieber in meinem…es ist am Ende eher das Erkennen vom eigenen Raum. Ich finde ja, unsere große Aufgabe in der Welt, um jetzt hier noch so ein bisschen esoterisch, pathetisch oder philosophisch zu werden: wir sind alle nicht gleich. Wir müssen auch nicht alle miteinander, aber wir müssen schon nebeneinander und das müssen wir hinkriegen. Ich versuche ja immer eben auch, auf Neues einzugehen. Manchmal geht das, manchmal eben nicht. Das kann man ja dann erkennen, ob man lieber miteinander oder nebeneinander will. Aber es gibt uns nun mal alle und wir müssen das irgendwie hinkriegen. Die Interessen sind viele, schon alleine der Menschen. Die Interessen auf dem Planeten sind viele. Die Erde spricht auch noch ein bisschen mit: „Ich mache ein bisschen Beben hier!“  Das sind viele Interessen, die man unter einem Hut bringen will. Und Bonaparte war auch immer ein bisschen ein Mikrokosmos von…ich habe immer gesagt „demokratisches Kollektiv mit dem Diktator an der Spitze“. Das ist schon immer auch noch so. Meine Aufgabe in meiner Rolle, also ein bisschen gleicher unter den Gleichen, ist halt zu gucken, dass es möglichst lange für alle stimmt. Und gleichzeitig habe ich das Logbuch oben und weiß: „Ok, warte mal. Eisberg hier, Eisberg da, ich will nach Hawaii!“ [lacht]

Gibt es eigentlich Grenzen, die ihr auf der Bühne niemals überschreiten würdet?

Track 06 (1:42 min)

[TJ]: Bühne als Ort, wo man dreihundert Prozent geben kann in einem Bereich, wo man im normalen Leben nur fünfzig geben darf hin oder her, es gibt ganz klar natürlich ethische und ganz klare Grenzen und Dinge, die man einfach nicht tut, weil man sie nicht tut. Aber das ist eigentlich klar [lacht]. Es passieren Dinge auf der Bühne, die ich jetzt nicht jetzt alle toll finde, aber gerade auch das in meiner Rolle als Leader, muss ich akzeptieren, dass jemand anderes jetzt was toll findet und er das vor diesen 5000 Menschen machen will bei diesem Festival, dass ich das vielleicht doof finde. Aber ich muss auch damit leben können, dass der das jetzt gut oder angebracht findet. Wenn ich es unglaublich doof oder unangebracht finde, dann spricht man miteinander. Dann kann man gucken, ob das bleiben soll oder nicht. Ich finde nicht alles non plus ultra toll, was wir tun. Das wäre ja dann ein Extremismus, …ich bin ja wahrscheinlich schon eher bekannt als Controlfreak [lacht], aber darin muss auch Platz sein, für Dinge [die ich nicht gut finde]. Ich muss nicht alles gut finden. Das ist wie ich meine Musik auch nicht hören muss. Ich muss nicht die Musik hören, die ich mache. Ich muss die Musik machen, die ich machen kann. Ich muss das tun, was ich der Welt noch geben kann, das ein bisschen anders ist als das, was es schon gibt, weil ich es ja sonst erst gar nicht machen muss.

Warum hast du dich für den Albumtitel entschieden?

Track 07 (2:42 min)

[TJ]: Bei „My Horse Likes You“ wusste, ich bevor ich das Album überhaupt geschrieben habe, das Album wird „My Horse Likes You“ heißen. Ich wusste, Bonaparte wird probieren über Gefühle zu sprechen, aber so wirklich kannte er es nicht. Ich kann nicht sagen: „Boah, ich finde dich toll!“ Ich kann aber sagen: „Also mein Pferd,  ja…!“ Dieser Albumtitel… ich habe zuerst einen Song geschrieben. Ich habe dann gemerkt, dass der das alles umschreibt „sorry, we´re open“. Wann hat die Welt heute offen, wann hat sie zu? Die Leute müssen lernen, mit diesem „ich habe aber jetzt zu“ umzugehen, weil es ja immer offen ist. Wir als Künstler sind immer ein bisschen so. Ich musste auch lernen, mit dem umzugehen, oder muss es immer wieder, weil mein Job auch nie aufhört. Das ist ja der Wahnsinn. Und deshalb glaube ich, ist die Welt im Moment auch ein bisschen wahnsinnig, weil es halt so viel ist. Auf dem Album gibt es ja viele Sätze darüber: „This is not what I call multitasking, this is what I call madness” oder “sorry we´re open, come in, we are closed”. Wir haben den Moment oft: “Sorry, we are open, haha, wir sind jetzt laut, ok, Polizei kommt” oder “Klar, come in, we are closed, ok, ich spiele jetzt einen Gig, obwohl ich jetzt doch lieber Backstage Poker spielen würde”. Wir sind immer auf und dann doch zu. Der Titel passt sowohl für unseren Zustand als Artists so wie auch für die Welt im Moment. Der rührte eigentlich nur daher, wenn man…in Amerika hängen ja immer diese Türschilder, seit hunderten von Jahren kann man ja nicht sagen, weil das Land gibt es ja noch nicht so lange, aber [lacht] seit lange. „Sorry we´re closed/come in we´re open“, wenn du die in der Mitte auseinanderschneidest und dann umdrehst und wieder zusammenklebst, dann ergibt sich halt das. Ich habe gerade rausgefunden, das Album hätte auch heißen können: „Primitive is the new divine“. Das ist mir gerade heute in den Sinn gekommen. Das habe ich irgendwo in dem „Bonahula“ gehört. Ich glaube, das hätte es auch heißen können. [Weil es darum geht], die Urinstinkte rauszulassen. Das ist ja bei Bonaparte immer so: ach man kann noch [mehr]. Es ist schön, dass wir wissen, wie es ist, zivilisiert zu sein, aber es ist auch schön, wenn wir nicht zu oft drüber nachdenken [lacht].

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