Interview mit Robin Pecknold zum Fleet Foxes Album „Crack-Up“

Zwischen dem zweiten Fleet Foxes-Album „Helpnessness Blues“ und „Crack-Up“ liegen sechs Jahre. Warum dauerte das so lange?

O-Ton 01: (0’31) Wenn du an deiner Kunst arbeiten willst, dann arbeite an deinem Leben. Es gab damals nicht viel in meinem Leben außer der Musik. Ich wollte meinen Erfahrungsschatz erweitern. Erfahrungen, von denen ich beim Arbeiten an der Musik profitieren würde. Ich suchte nach Inspiration in anderen Medien und Kunstformen. Die Musik, die ich aufnehmen wollte, hätte nicht unbedingt zum typischen Album-Format gepasst. Ich wollte mich lieber auf andere Dinge konzentrieren und auf neue Art vorankommen.

Du warst an der Universität und hast dort Musik studiert …

O-Ton 02: (0’17) Ja, ich habe einige Jahre an der Universität verbracht. Außerdem reiste ich viel. Ich war alleine unterwegs, ging nach Nepal, lebte in einem Kloster für eine Weile. Ich war auch viel surfen. Daneben studierte ich und schrieb Musik.

Waren deine Bandkollegen mit dieser Pause einverstanden?

O-Ton 3: (0’17) Sie war vielleicht etwas länger als einige der anderen dachten. Aber das ist etwas, was wir unser ganzes Leben lang tun. Da wird es Phasen geben, in denen man mal mehr, mal weniger aktiv ist. Jetzt freuen wir uns darüber, dass wir wieder spielen und nach diesem auch an einem nächsten Album arbeiten werden.

Du bist nach New York gezogen, um dort zu studieren. Wohnst du immer noch dort oder bist du mittlerweile nach Seattle zurückgekehrt?

O-Ton 4: (0’09) Momentan bin ich gerade auf Tour. Ich lebe gerade nirgendwo so richtig. Ich warte ab und schaue, wo ich sein möchte, wenn das hier durch ist.

Hat das Album „Crack-Up“ ein Thema, einen roten Faden?

O-Ton 5: (0’27) Schwer zu sagen. Ich denke zuerst über die Musik nach. Was die Musik auslöst, was ich beim Hörer auslösen möchte. Durch die Kombination bestimmter Instrumente oder anderer Dinge, die in der Musik passieren. Texte haben bei mir die Funktion, die Idee der Musik zu unterstützen. Sie sind wie ein weiterer Muskelstrang der Musik. Wenn ich über lyrische Themen des Album nachdenke, muss ich das also im Nachhinein tun.

Hat sich denn im Rückblick auf das Album ein Thema herauskristallisiert?

O-Ton 6: (0’55) Die meisten Texte spiegeln das wieder, wo ich gerade bin im Leben. Das ist ja immer so, wenn du an einem Album arbeitest. Es schleicht sich in dein Schreiben ein, ob du es nun willst oder nicht. So wie beim letzten Album, da gab es eine Menge existenzieller Fragen, die sich 24-Jährige stellen. Auf diesem Album findet sich mehr Bestimmtheit. Der Fokus liegt stärker auf der Außenwelt. Es gibt mehr Songs über die Situation der Welt und über Wahrnehmung. Es geht um den Unterschied über die Welt, wie du sie wahrnimmst und wie sie wirklich ist. Wie du eine Person wahrnimmst und was diesen Menschen tatsächlich ausmacht. Wenn es ein Thema auf diesem Album gibt, dann geht es darum: Versuche, die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist. Erkenne, dass deine Erfahrungen ziemlich subjektiv sind. Und: Akzeptiere, dass die Bedeutung, die du dem Leben gibst, von dir selbst erschaffen wird.

Lass uns über einige Songs reden. Der erste Track „I Am All That I Need / Arroyo Seco / Thumbprint Scar“ scheint aus drei Teilen zu bestehen. Gibt es auch etwas, das den Song zusammenhält?

O-Ton 7: (0’58) Die Rhythmus-Spur dieses Songs ist um ein Sample des J-Trains gebaut. Jener Zug, der über die Manhattan Bridge in New York fährt. Als ich den Rhythmus hörte, dieses tan-tan-tan, ta-tan-tan-ta, das Geräusch der Schienen, ließ mich das an den Zug und New York City denken. Der Song handelt vom Überführen des Inneren ins Außen. So wie Tag und Nacht. Oder: Auf der Straße und im Kopf eines Menschen. In dieser Stadt gibt es so viele für sich abgeschlossene Umgebungen, die in einem starken Kontrast zueinander stehen. Ich wollte, dass dieser Song das widerspiegelt. Als ich in New York lebte, mochte ich es, mit dem Zug raus ans Meer zu fahren. Deshalb wollte ich, dass dieser Song am Wasser endet. Er hört nun mit Wassergeräuschen in einer Sound-Schleife auf. Inspiriert von einem Youtube Video, bei dem fünf Frauen auf der Wasseroberfläche Percussion spielen.

Wovon handelt der zweite Song „Cassius“?

O-Ton 8: (0’26) Es geht um einen sommerlichen Spaziergang durch den Central Park, im Juli des letzten Jahres. Plötzlich hörte ich Leute singen – es war eine Protestaktion gegen Polizeieinsätze mit Schusswaffen, die sich zu dieser Zeit in den USA häuften. Der Text erinnert an diesen Moment, den ich da erlebte. „Cassius“ bezieht sich auf Cassius Clay oder Muhammad Ali, der ein paar Tage zuvor gestorben war.

Was kannst du über „Naiads, Cassadies“ sagen. Der Song klingt sehr positiv.

O-Ton 9: (0’26) Najaden sind so etwas wie Nymphen und Cassidy bezieht sich auf (den Beat-Generation-Autor) Neal Cassady. Es geht also um Männer und Frauen. Ich hatte das Gefühl, dass die ersten beiden Songs durch ihren Aufbau, ihr Konzept, ein wenig irritieren und orientierungslos machen. Deshalb wollte ich als dritten Song ein eher straightes Stück, das nach vorne geht. Es sollte ein Gefühl vermitteln, als würde man dem Sonnenuntergang entgegenfahren – oder so etwas ähnliches.

Das fünfte Stück hat wieder einen Doppelnamen, „Third of May / Odaigahara“. Was hat es damit auf sich?

O-Ton 10: (1’00) Was ist Odaigahara? Es ist der Name eines Berges in Japan. Dieser Song, das waren ursprünglich mal drei Songs, die sich alleine nicht komplett anfühlten. Für mich machte es Sinn, daraus ein neunminütiges Musikstück zu machen. Es erzählt von einer Reihe Erinnerungen an die lange Beziehung zwischen mir und meinem Bandkollegen Skyler (Skjelset). Wir kennen uns, seit wir 13 sind. Sein Geburtstag ist der 3. Mai, an diesem Tag kam unser letztes Album „Helplessness Blues“ raus. Es ist aber auch der Name eines Gemäldes von (Francisco) Goya: „3. Mai 1808“, das den spanischen Unabhängigkeitskrieg zeigt. Das Lied spannt einen emotionalen Bogen über all die Jahre, die Skyler und ich zusammen Musik machen. Zumindest über das Lebensalter 15 bis 25. Da gibt es diesen Optimismus am Anfang, gewisse Sorgen in der Mitte und ein fragendes, offenes Ende.

Danach folgt ein sehr schönes, entspanntes Stück „If You Need To, Keep Time on Me“ …

O-Ton 11: (0’44) Da „Third of May“ der vielleicht komplizierteste Song auf dem Album ist, sollte der nächste einer zum Durchatmen sein. Ein einfaches Lied, das nur aus wenigen Akkorden besteht. Die Melodie ist sehr repetitiv und die Wiederholung ist ein Synonym für die dringende Bitte nach Beständigkeit und Zuverlässigkeit, die man von jemand anderem erwartet. Der Text des Liedes ist nach der Wahl entstanden. Aus dem Gefühl heraus, die Welt würde außer Kontrolle geraten. In Zeiten, in denen das so ist, hofft man auf Stabilität in den persönlichen Beziehungen. Stabilität, die einen tröstet.

Welcher Sprache entstammt der Songtitel „Mearcstapa“?

O-Ton 12: (0’35) Das bedeutet Grenzgänger im Altenglischen (lacht). Ich mochte, wie das Wort aussieht und dass es unklar ist, welcher Sprache es entstammt. Lyrisch erzählt es von einem Segel-Trip, den ich mit meinem Vater unternahm. Mein Vater ist Segler und wir gingen auf gemeinsame Fahrt, für einige Tage. Im Text des Liedes erinnere ich mich an Bilder, die mir von diesem Trip in Erinnerung geblieben sind. Musikalisch ist das Stück von Krautrock beeinflusst, von Bands wie NEU. Von kräftigen Schlagzeug-Beats und glockigen Gitarren.

Aber was hat der Segel-Trip mit dem Grenzgänger zu tun?

O-Ton 13: (0’09) Auf dem Boot gibt es die Angst hineinzufallen. Und dann ist da noch die Grenze zwischen Wasser und Himmel sowie die Grenze zwischen Leben und Tod.

„On Another Ocean (January / June)“ hat wieder einen etwas komplizierten Titel?

O-Ton 14: (0’55) Ich wollte in diesem Song zwei Arten von Musik verbinden, die ich eher als Gegenteil empfinde. So wie Januar das Gegenteil von Juni ist. Der Anfang des Songs hat kein solides harmonisches Gerüst. Die Akkorde verändern sich ständig, es gibt keine Stabilität. So fühle ich mich manchmal in New York im Januar. In der zweiten Hälfte des Liedes kommt dann so ein Gefühl von „ist-doch egal“ auf. Dann verwandelt sich der Song in ein nettes, lockeres 90er-Jahre HipHop-Stück mit einem chilligen Backbeat. Das traurige Klavier, welches das Stück eröffnet und das beschwingte Mulatu Astatke-Sample, mit dem das Ganze endet – da fragt man sich, wie man ohne Bruch vom einen zum anderen kommt. Der Song ist die Brücke zwischen diesen beiden Dingen, einem irgendwie neuartigen Kontrast der Stile.

Wovon erzählt „I Should See Memphis“?

O-Ton 15: (0’28) Bei „I Shoult See Memphis“ wollte ich einen Text schreiben, der seine Meinung ändert. Und zwar in jeder Zeile. Das Lied stammt aus einer Zeit, in der auch ich meine Meinung sehr oft änderte. Ich wollte, das jede neue Zeile das Verständnis der Zeile zuvor verändert. Dieses Konzept fand ich interessant. Hinzu kommen Streicher, die von John Barry beeinflusst sind. Üppige Streicher aus dem Kino der frühen 70er-Jahre.

„Crack Up“ heißt der letzte Song, aber auch das gesamte Album. Worum geht es im Song?

O-Ton 16: (1’09) Das Finale, natürlich! Es ist der letzte Song, der so ein bisschen die Ideen des Albums zusammenführen soll, sowohl textlich als auch musikalisch. Da gibt diesen Beginn, der fast an den Wilden Westen erinnert. Mit Cembalo, als wäre Ry Cooder oder so in der Nähe. Musik, die von amerikanischem Folk beeinflusst ist. Dann wird es klein, wenn die Stimmen sagen: „If I don’t resist, we’ll end or stand“. Schließlich verschwimmen die Akkorde und wenn die Bläser einsetzen, klingt das wie ein Moment der Erweckung oder Erleuchtung. Es wird ekstatisch, alles ist auf einem F-Akkord, der sich immer wiederholt. Wie ein musikalisches Krytogramm für Fleet Foxes. Eine Band, die feiert, dass sie spielt.

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